Aus dem 6 km langen Reschensee im oberen Vinschgau ragt weithin sichtbar ein alter Kirchturm aus dem Wasser. Er gilt als Wahrzeichen des Tales und ist im Sommer wie im Winter ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Gäste. Doch so idyllisch der Turm mit dem hohen Ortlergebirge im Hintergrund auf den ersten Blick erscheint, so schmerzvoll ist die Geschichte hinter dem Monument.
Die romanische Kirche von Alt-Graun wurde im 14. Jahrhundert errichtet. Heute verweist der sichtbare Turm auf das große Stauseeprojekt, das von der faschistischen Regierung in den 1920er-Jahren ausgearbeitet wurde. Doch erst nach dem Krieg setzte der Großkonzern „Montecatini“ das Projekt unter internationaler Beteiligung um und staute den Reschen- und Graunersee um 22 Meter. Die ansässige Bevölkerung musste den Fluten Platz machen und wurde mit der Begründung des „nationalen Interesses zur Stärkung der nationalen Industrie“ enteignet. Viele Dorfbewohner wichen nicht freiwillig. Im Sommer 1950 wurden 163 Häuser gesprengt und die Gemeinde Graun sowie ein Teil des Dorfes Reschen überflutet. 150 Familien wurden evakuiert und in ein notdürftig erbautes Barackenlager am Ausgang des Langtauferertales untergebracht.